VOX – Christina Dalcher

 

Verlag: S. Fischer Verlag GmbH

Format: eBook, 400 Seiten

ISBN: 978-3-10-490953-0

Preis: € 20,60 (A), € 20,00 (D), € 16,99 (ebook)

Bewertung:  

 

Kann man sich eigentlich zu oft bedanken? Vorausgesetzt man hat genug Worte übrig, dann ist die Antwort: Nein. Daher möchte ich mich abermals bei netgalley.de für mein Leseexemplar des Romans VOX von Christina Dalcher bedanken. Mein Dank gilt aber auch dem S. Fischer Verlag für die Bereitstellung. Zuerst ist mir dieses Buch wegen seines Covers aufgefallen, eine Frau mit einem roten X über dem Mund fand ich schon sehr interessant und aussagekräftig. Der Klappentext hat es dann bestätigt – diese Geschichte muss gelesen werden.

Wie würde eine Welt aussehen, wenn Frauen nur noch 100 Worte am Tag zur Verfügung stehen würden? Wenn Fernsehen begrenzt wäre, man keinen Einkaufszettel mehr schreiben könnte, weil es im ganzen Haus keine Stifte mehr gibt? Man seine Eltern nicht anrufen könnte, um zu fragen, wie es Ihnen geht? Wenn man seinen Kindern keine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen kann oder man nicht fähig ist sie zu trösten, weil man bereits 96 Worte an diesem Tag verbraucht hat? Wenn man sie nicht nach ihrem Schultag fragen und mit ihnen lernen kann? Wenn die Ehemänner dafür verantwortlich sind Smartphones, Computer und auch alle Bücher vor den eigenen Frauen und Töchtern wegzusperren, damit diese sich auf wichtige Dinge konzentrieren können? Und wenn Mädchen und Jungs in der Schule getrennt werden, den einen die ganze Welt offen steht und den anderen nur noch Kochen, Nähen und Haushaltsführung beigebracht wird?

Wenn man nicht mehr Ich liebe dich sagen kann?

Genau in so einer Welt lebt die kognitive Neurolinguistin Dr. Jean McClellan mit ihrem Mann Patrick, den drei Söhnen Steven, Sam und Leo und ihrer Tochter Sonia. Während Patrick und die Söhne ein relativ normales Leben führen (denn wie normal kann das Leben sein, wenn die Mutter und die kleine Schwester sich an derart viele Regeln halten müssen und kaum kommunizieren können), müssen Jean und Sonia sich den Gesetzen der neuen Regierung beugen. Eine Regierung, die fadenscheinige, christliche Motive dafür benutzt, um Frauen mundtot zu machen und Macht über sie auszuüben. Beide, sowie auch alle andere Frauen in Amerika, müssen einen Wortzähler am Handgelenk tragen. Werden mehr als 100 Worte pro Tag verbraucht, gibt dieser einen Stromschlag ab. Eine Warnung oder eher eine Bestrafung.

Als Studentin war Jean alles Politische egal, ihr Studium war ihr wichtig. Nie hätte sie sich erträumen lassen, dass sie eines Tages ihren Beruf nicht mehr ausüben kann, dass es möglich sein wird, Frauen auf diese Weise zu unterdrücken. Nie hätte sie sich vorstellen können, dass sie ihren schwachen Ehemann einmal dafur hassen wird, dass er sich nicht für sie einsetzt und diese Unterdrückung einfach hinnimmt. Und niemals hätte sie sich vorstellen können, dass sie sich immer wieder selbst einreden muss, dass sie ihren eigenen Sohn nicht hasst. Nie hätte sie sich gedacht, dass sie für die Rechte ihrer Tochter und für sich selbst kämpfen muss. Doch jetzt ist die Zeit gekommen, um etwas zu unternehmen, denn 100 Wörter sind einfach zu wenig.

VOX ist ein sehr kritisches Buch, die Thematik ist in Zeiten wie diesen und für jemanden wie mich kaum ertragbar, jedoch nicht unmöglich oder unrealistisch – und genau das ist das Erschreckende an dieser Geschichte. Ich weiß nicht, ob es gut ist, den Menschen mit so einer Geschichte Ideen in den Kopf zu setzen. Mit dem Bewusstsein, dass es immer noch Länder gibt, in denen Frauen auch heute noch unterdrückt werden, ist es aber auch ein wichtiges Buch. Es regt stark zum Nachdenken an. Über viele Dinge. Über die Gesellschaft, über Politik, über Religion, über Frauen und Männer im Allgemeinen. Darüber, wie wichtig es ist sich Gehör zu verschaffen und nicht einfach alles über sich ergehen zu lassen. Die Grundidee zum Buch fand ich wirklich sehr gut, für die Hauptprotagonistin Jean hätte ich mir persönlich eine etwas stärkere und emotionalere Frau gewünscht. Und eine weniger egoistische Person, ihre Handlungen sind mir oftmals ein Rätsel. Das Buch ist durchwegs ziemlich emotionslos geschrieben, was mich nicht daran gehindert hat immer wieder ein Tränchen zu verdrücken. Manche Szenen setzten mir, als Frau und vor allem aber als Mutter, extrem zu. Vielleicht ist es auch gut so, denn wäre es emotionaler geschrieben, wäre mir das Lesen noch schwerer gefallen. Ich möchte mir gar nicht vorstellen in solch einer Welt dahinvegetieren zu müssen, denn leben würde ich das nicht nennen. Gegen Ende verwandelt sich die Geschichte in einen Politthriller, mit überraschender Wendung.

Die ständigen Sprünge in der Zeit, Jeans Erinnerungen daran, wie es einmal war, waren ein wenig unmotiviert angebracht und haben mich oft aus dem Konzept gebracht. Ansonsten fand ich den Schreibstil okay, aber nicht außergewöhnlich. Mit dem Wissen, dass die Autorin Linguistik studiert hat, ist der Schreibstil eher schwach, da hätte man mehr draus machen können. Von mir gibt´s trotzdem 4 Pfoten, weil mir das Thema sehr gefallen hat.

Fazit

Meinen Mund zu halten war noch nie meine große Stärke und ich bin froh, dass ich es nicht muss. Für mich ist es ein unvorstellbares Szenario nur 100 Worte täglich gebrauchen zu dürfen, für diese Frauen ist es Realität. Spannendes Thema, das zum Nachdenken anregen soll.

Für diese Rezension habe ich knapp 900!! Wörter benötigt.

AutorIn

Die gebürtige Amerikanerin promovierte an der Georgetown University in Theoretischer Linguistik und forschte über Sprache und Sprachverlust. Ihre Kurzgeschichten und Flash Fiction erschienen weltweit in Magazinen und Zeitschriften, u.a. wurde sie für den Pushcart Prize nominiert. »Vox« ist ihr Debütroman.

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