Was ich euch nicht erzählte – Celeste Ng

was ich euch nicht erzählte

 

Titel: Was ich euch nicht erzählte

AutorIn: Celeste Ng

Verlag: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG

Format: Paperback, 288 Seiten, ISBN:978-3-423-28075-4

Preis: € 20,50 (A), € 19,99 (D)

Bewertung: 5 von 5 Pfoten

 

Der Titel Was ich euch nicht erzählte ist mir durch eine Verlosung einer Buchseite im Internet ins Auge gefallen. Bereits der erste Satz im Buch hat mich in seinen Bann gezogen und ich wollte es unbedingt lesen. Daher bedanke ich mich auch ganz herzlich beim dtv Verlag, dass mir dieses Buch zur Verfügung gestellt wurde, ich habe es nicht bereut.

Handlung

Lydia ist tot. Ertrunken im See. Das ist kurz nach ihrem Verschwinden schreckliche Gewissheit. Lydia war der Stolz ihrer Eltern. Ein ruhiges, kluges, hübsches Mädchen, das die chinesischen Wurzeln ihres Vaters nicht verbergen konnte, jedoch durch die blauen Augen ihrer Mutter immer aufgefallen ist. Trotzdem hatte sie nie Freunde, war immer alleine. Lydias Mutter kann es einfach nicht fassen, dass das liebste ihrer drei Kinder einfach nicht mehr nach Hause kommen wird. Sie kann die Sache nicht ruhen lassen, braucht für ihren Seelenfrieden einen Schuldigen. Ihr Vater hingegen gibt sich mit der Einschätzung der Polizei, dass es sich um Selbstmord handelt, mehr oder weniger zufrieden. Ihr älterer Bruder Nathan ist sich ziemlich sicher, dass ihr Nachbar und Lydias Freund Jack, der sie das letzte halbe Jahr immer wieder begleitet hat, etwas mit ihrem Tod zu tun hat. Und Hannah, das Nesthäkchen, versucht das Geschehene so gut wie möglich zu verarbeiten, fühlt sich aber immer mehr alleine. Was ist in dieser verhängnisvollen Nacht tatsächlich passiert und wer trägt dafür die Verantwortung? Wer hat Schuld an Lydias tot und hätte er verhindert werden können? Langsam kommen die Geheimnisse ans Licht, eines nach dem anderen, aber alle, die etwas wissen könnten, schweigen.

Meinung

Marilyn und James Lee sind seit den 1950ern verheiratet, was nicht immer einfach war und ist, weil James Chinese und Marilyn Amerikanerin ist. Selbst Marilyns Mutter war gegen diese Ehe und hat nach der Eheschließung auch den Kontakt zu ihrer Tochter und deren Familie abgebrochen. Während ihrer Ehe haben Marilyn und James drei Kinder miteinander bekommen: Nathan, Lydia und Hannah. Für ihre Kinder hat Marilyn auf den Traum einer Karriere als Medizinerin verzichtet. Sie konnte allerdings nicht von ihrem Traum Abstand nehmen und legt daher all ihre Hoffnungen in ihre Tochter Lydia. Sie versucht ihr vieles beizubringen, ihr Interesse für Naturwissenschaften und Mathematik zu wecken, indem sie sie regelrecht zwingt, täglich mit ihr zu lesen und zu lernen. Doch Lydia will das eigentlich gar nicht, macht es aber, aus Angst, dass ihre Mutter, wie schon einmal Jahre zuvor, verschwindet. Damals verließ Marilyn ihren Mann und die beiden älteren Kinder um wieder zu studieren, hat aber neun Wochen später erfahren, dass sie mit Hannah schwanger ist und ist zurück gekehrt. Bereits darüber wurde geschwiegen. Die Aufmerksamkeit, die die Mutter ihrer mittleren Tochter schenkt stößt aber auch bei ihren beiden anderen Kindern auf Unverständnis und Rivalität und allem voran Eifersucht Lydia gegenüber. Und dann kehrt Lydia eines Tages nicht mehr nach Hause. Marilyn steht von Anfang an unter Schock. Sie ist in der ganzen Situation über sehr ruhig, gefasst. Genauso ihr Mann James, keiner der beiden wird laut oder weint. Sie beantworten die Fragen der Polizei, suchen in aller Ruhe Fotos heraus. In diesem Teil des Romans beginnen dann die ersten Rückblenden und man erfährt so manches Geheimnis. Einerseits bewundere ich die Ruhe, die Lydias Eltern in dieser Situation an den Tag legen, andererseits bestätigt das ihren Schock. Lydias Mutter ist sich hier glaube ich bereits sicher, dass Lydia nicht zurückkommen wird. Der Schmerz, den ihr der Tod ihrer Tochter verursacht ist so offensichtlich und greifbar, für mich als Mutter war es wirklich schwer diese Geschichte zu lesen. Die Mutter, die sich total zurück zieht und sich in Lydias Zimmer einschließt, der Vater, der in dieser Situation Zuflucht bei seiner Assistentin sucht, Nathan, der eigentlich nur weg will von seiner Familie und der Situation und die kleine Hannah, die nur von ihren Eltern gesehen, in den Arm genommen und geliebt werden will, sich aber nicht einmal danach fragen traut. Die ganze Geschichte wird kalt und klinisch erzählt, aber im Hinblick auf die Vorkommnisse doch nachvollziehbar. Der Roman ist toll strukturiert und obwohl aus der Sicht aller Familienmitglieder erzählt und zusätzlich abwechselnd in der Vergangenheit und zum Zeitpunkt von Lydias Tod und danach, verliert man nie den Überblick. Die Autorin behandelt nicht nur die Geschichte von Lydias Tod, nein, sie gibt viel mehr einen Einblick in die Gesamtheit der Situation dieser Familie, die immer zu kämpfen hatte. Einerseits mit der Ausgrenzung auf Grund der Herkunft, mit dem Willen von James unbedingt in der Gesellschaft angenommen zu werden, auch wenn er Chinese ist. Auch die Kinder hatten zu dieser Zeit natürlich Schwierigkeiten damit, man konnte ihnen natürlich ansehen, dass sie „anders“ waren und als einzige Chinesen in ihrer Heimatstadt war das nicht immer einfach. Und andererseits mit all den Geheimnissen und vor allem dem Schweigen. Als die Geschichte gegen Ende dann aufgeklärt wird habe ich zwanzig Minuten lang nur gelitten und trotzdem jedes Wort in mich aufgesogen und genossen – ich freue mich schon auf die Verfilmung.

Fazit

Dieser Roman hat mich absolut abgeholt. Extrem gelungenes Erstlingswerk.

AutorIn

Celeste Ng (sprich: Ing) wuchs in Pennsylvania und Ohio auf, sie studierte in Harvard und machte ihren Master an der University of Michigan. Sie schrieb bisher nur Erzählungen und Essays und erhielt dafür einige Auszeichnungen. Was ich euch nicht erzählte ist ihr erster Roman, der vielfach prämiert und in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt wurde.

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