Dark Memories – Nichts ist je vergessen – Wendy Walker

 

Nichts ist je vergessen

 

Verlag: S. Fischer Verlage

Format: Paperback, 384 Seiten, ISBN: 978-3-651-02542-4

Preis: € 15,50 (A), € 14,99 (D)

Bewertung:

4 von 5 Pfoten

 

Gleich zu Beginn des Buches taucht man in eine eigenartig, bedrückende Atmosphäre ein. Wendy Walker schildert auf den ersten Seiten, wie die erst 15-jährige Jenny Kramer auf einer Schulparty bestialisch vergewaltigt wurde. Sie beschreibt zwar nicht alle Details, aber das muss sie auch gar nicht, um die Brutalität des Täters aufzuzeigen. Ich muss gestehen, nach den ersten Kapiteln brauchte ich eine kurze Pause um die Grausamkeit verarbeiten zu können.

Die Familie von Jenny lebt in der amerikanischen Kleinstadt Fairview. Der Vater ist Manager von mehreren Autohäusern und die Mutter ist die typische amerikanische Ehefrau, die am allerliebsten Country Clubs besucht. Eben eine klischeehafte amerikanische Vorzeigefamilie mit einem wunderschönen Haus erbaut im Kolonialstil. Das Paradeleben der Familie wird aus Sicht von Charlotte Kramer, Jennys Mutter, auf Grund des aus ihrer Sicht unschönen Vorfalls, empfindlich gestört. Als sie im Krankenhaus das erste Mal von den Ärzten bzw. Detective Parson von der Vergewaltigung erfährt, hat sie zwar Sorge um ihr Kind, doch noch größer scheint ihre  Angst, dass diese Tat dem Ansehen der Familie schaden könnte, möglicherweise sogar einen negativen Einfluss auf die bevorstehende Wahl des Beirats eines Country Clubs, dem sie so gerne angehören möchte.  Ja in der Tat,  so eine Vergewaltigung passt so gar nicht in ein durchgeplantes, amerikanisches 08/15 Leben. Nicht vorzustellen, wenn die Einwohner von dem tragischen Vorfall erfahren und die Blicke die sie daraufhin auf Jenny und Charlotte werfen werden.  Dem Vater Tom geht diese Geschichte unheimlich nahe. Da ich selbst Vater bin, fällt es mir nicht schwer mich in ihn hineinzuversetzen. Das Leid, dass seiner Tochter angetan wurde, zerfrisst ihn innerlich. Noch in selbiger Nacht, als Jenny in das Krankenhaus eingeliefert wurde, schlugen die Ärzte den Eltern ein Medikament vor, dass Jenny diese furchtbare Tat vergessen lässt und ihr trotz allem ein unbeschwertes Leben ermöglichen soll. Charlotte war natürlich hin und weg von der Möglichkeit, dass ein Medikament die Gedanken ihrer Tochter manipulieren lässt, aber ich hatte den Eindruck  in erster Linie um den Albtraum für sie erträglicher zu machen. Tom hingegen, war von dem Medikament nicht begeistert, vor allem deswegen, weil er durch die gelöschten Erinnerungen keine Möglichkeit mehr sieht, den Täter jemals zu fassen. Seit dem Tag an dem seine Jenny vergewaltigt wurde, hat er nur noch einen Gedanken – Rache. Da aber Charlotte das Sagen innerhalb der Familie hat, entschied sie sich ihre Tochter das Medikament verabreichen zu lassen.  Tom willigte letztendlich ein, da er gegenüber seiner Frau ziemlich unterwürfig ist und bereut in der fortlaufenden Erzählung immer mehr, dass er gegenüber seiner Frau nicht mutiger gewesen sei. Auf den ersten Blick schien die Behandlung tatsächlich erfolgreich verlaufen zu sein. Es gab keinerlei Anzeichen für eine posttraumatische Belastungsstörung, keine Flashbacks, keine Albträume, keine Angst vor dem alleine sein und keine Abwehrreaktionen bei körperlichen Berührungen. Doch der Schein trügt, das Unterbewusstsein von Jenny hat die Vergewaltigung nicht gänzlich vergessen. Auslöser hierfür ist eine Narbe die der Täter, ähnlich wie eine Tätowierung auf Jennys Rücken hinterlassen hat. Jenny besitzt zwar keine Erinnerungen mehr an die Tat an sich,  der Schrecken lebt jedoch in ihrem Körper fort. Das Leid, das ihrer Tochter angetan wurde, wird immer mehr zur Belastungsprobe der Ehe von Charlotte und Tom. Die Ehe wies schon vor der Tat enorme Risse auf, aber die tragisch veränderte Gefühlslage, trägt dazu bei, dass ein weiteres Zusammenleben der Eltern immer unrealistischer wird. Die Geschichte selbst wird aus der Sicht des Psychologen Dr. Alan Forrester erzählt. Der Psychologe wird zu Rate gezogen, als die Familie nicht mehr weiter weiß. Die Art und Weise wie er über seine Behandlung erzählt, würden viele wahrscheinlich als trocken und sachlich bezeichnen. Viele würden vielleicht sogar mit dem Gedanken spielen das Buch aus Langeweile beiseite zu legen, für mich jedoch war gerade diese Art der distanzierten Schilderung,  untermauert durch zahlreiche Dialoge mit sämtlichen Betroffenen, unwahrscheinlich interessant. Man ist quasi stiller Beobachter bei den stattgefundenen Therapiestunden.

Falls ihr trotzdem den Gedanken hegen solltet, das Buch zu beenden, weil euch die ganze psychologische Fachsimpelei auf dem Keks geht, möchte ich euch bitten, tut es nicht. Ab der Hälfte nämlich nimmt das Buch nun richtig Fahrt auf und ihr könntet ein wirklich gutes Finish versäumen. Klar ist, dass hinter diesem Buch eine riesengroße Marketing-Maschinerie steht. Ja, sogar Filmrechte sind bereits verkauft worden und Karin Slaughter spart am Cover nicht mit Lobhudelei.  Es kommt oft vor, dass wir solche Bücher kritischer sehen als andere, ihnen gar unterstellen nur aufgrund ihrer Vermarktung ein Bestseller zu werden, aber in diesem Fall ist die Geschichte und die Manier, wie sie erzählt wird, absolut ihr Geld wert.

Fazit

Genreübergreifendes Buch das den Leser nicht kalt lässt. Sofern man sich darauf einlässt als stummer Beobachter bei den vielen Therapiesitzungen des Herrn Dr. Forrester beizuwohnen, dann wird man es unter keinen Umständen bereuen das Debütwerk von Wendy Walker gelesen zu haben.

AutorIn

Wendy Walker ist Anwältin für Familienrecht, sie lebt mit ihrer Familie in Connecticut und arbeitet momentan an ihrem nächsten Roman. Dark Memories – Nichts ist je vergessen wird in der Zukunft von Hollywood verfilmt werden.

Liebe Grüße, Thomas

Dieses Buch wurde uns von Press & Books zur Verfügung gestellt. Wir möchten uns dafür herzlich bedanken.

Press & Books

 

 

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